the dark places

Warum bin ich da, wo ich bin (Teil 1 meiner Biografie)

Momentan ist mein Thema die Suche nach Zugehörigkeit/ Verbundenheit und nach Leichtigkeit – ein unbeschwertes Leben führen zu können

Ich tue mich schwer damit. Es ist eine wahre Herausforderung diese Bedürfnisse in meine Leben zu befriedigen. Ich gehe mal zurück in die Vergangenheit. Nun mit meinen 26 Jahren habe ich also schon einiges an Lebenserfahrung sammeln können. Doch mit diesem Thema Zugehörigkeit, Nähe, Geborgenheit hatte ich zumindest in den letzten 9 Jahren immer wieder Schwierigkeiten und fühlte mich oft isoliert, abgeschnitten, sozial magersüchtig.

Ich erinnere mich deutlich daran, dass ich phasenweise ein wirklich schüchternes Kind war und viele Impulse, die mehr von mir zeigten– so aber auch anderen mehr Gründe zur Ablehnung gaben, zurückhielt. In der Schule kam das natürlich besonders zum Tragen. Ich hatte vor der Pubertät glücklicherweise Freundschaften, wo ich sehr ich selbst sein konnte und bin bis heute dankbar dafür. Auch habe ich mehrere Jahre Leistungssport betrieben und fühlte mich nicht zuletzt da so wohl, weil sich Freundschaften und ein Teamgeist entwickelten, in denen ich ausgelassen und unbefangen sein konnte.

Kurz zu meiner Familiensituation. Meine Eltern sind bis heute verheiratet; außerdem habe ich eine Schwester, die zweieinhalb Jahre jünger als ich ist. Mein Vater hat viel gearbeitet, wir haben in der Familie zusammen Ausflüge und Urlaube unternommen, was aufregend war. Ich habe auch Zeit mit meinen Eltern verbracht, sie haben uns nicht total vernachlässigt, doch es gab Zustände, die das Familienleben sehr belastet haben, z.B. die Einstellung meines Vaters zu seiner Arbeit sowie die massive Launenhaftigkeit meiner Mutter und die seltsame Beziehung/Ehe zwischen meiner Mutter und meinem Vater, die nie etwas unternommen haben, um wieder wirklich zueinander zu finden (oder sich zu trennen) und eine authentische Liebesbeziehung zu leben – vieles war da wohl Gewohnheit und Abhängigkeit. Da spielte auch herein, dass mein Vater sich von meiner Mutter sehr viel gefallen ließ und nicht schaffte, ihr Grenzen zu setzen. Teilweise existierten unerträgliche Spannungen in unserem Familienleben.

Ich entwickelte eine Essstörung, die sich auch schon lange vor meiner Pubertät ankündigte, jedoch erst in meiner Pubertät 14/15 richtig ausbrach und mein Leben nachhaltig prägte; insbesondere bezüglich der Schamgefühle und das soziale Versteckspiel, das diese mitsichbrachten (Isolation). In der Pubertät entstand zudem eine zermürbende Sprachlosigkeit zwischen mir und meinen Eltern. Ich vertraute mich diesen so gut wie gar nicht mehr an und diese reagierten auf meine Verschlossenheit mit Druck und Strafen bis sie irgendwann aufgaben und wir in einem „Geisterhaus“ lebten.

Ich war ein sehr leistungsbezogenes Kind. Schon in der Grundschule betete ich darum, auf das Gymnasium zu kommen und konkurrierte mit meinen Freundinnen darum, wer mehr „1“einsen auf dem Zeugnis hatte. Im Sport war es ähnlich, die Trainer witterten eine Begabung und förderten mich. Die Beachtung nahm ich dankbar entgegen (weil sie sich gut anfühlte) und machte was draus. Dennoch entgleiste der Ehrgeiz beim Sport manchmal ins Krankhafte: Ich konnte vor Turnieren nicht schlafen oder war so aufgeregt, dass ich die ganze Zeit nichts essen konnte. Ich beschäftigte mich stundenlang mit den Ranglisten, welche Person mitspielten oder weinte nach verlorenen Spielen. In der Schule entwickelte sich ebenfalls so ein „krankhafter“ Ehrgeiz. Jedoch mehr oder weniger zufällig und aus Langeweile. Meine Mutter wollte abends ihre Ruhe haben, also lernten meine Schwester und ich uns mit uns selbst zu beschäftigen. Lesen war eine unserer Liebelingsbeschäftigungen. Ich langweilte mich oft, also griff ich zu Büchern und empfand so etwas wie Verbundenheit mit den fiktiven Charakteren; das ging soweit, dass ich reale Verabredungen absagte, um lesen zu können. Ich fühlte mich den fiktiven Charakteren verbundener als meinen realen Freunden. Schließlich kreierte ich mir auch eine Art Fantasiewelt und bildetet mir ein wie Hermine Granger zu sein. Zumindest konnte ich mich mit ihr gut identifizieren. Ich war dann so gut in der Schule, dass ich eine Klasse überspringen konnte und dies auch tat – auf Ermutigung meiner Mutter hin. Nur leider war es genau in der Zeit, in denen den meisten meiner Mitschüler (13/14/15 Jahre) die Schule egal war. Doch ich bezog einen Halt aus dem Lernen und Gutsein in der Schule. Ich integrierte mich aber nicht vollständig in die Klassenverbände, weil ich immer „mein eigenes Ding“ machte. Viele hatten das erste Mal Parties, Alkohol und dem anderen Geschlecht näher kommen im Kopf – ich hielt mich davon fern. Zum einen weil meine Mutter streng war in dieser Hinsicht und mir nicht erlaubte, das Jungsein auf die Art zu zelebrieren, wie es viele andere in meinem Alter taten. Ich blieb in meiner „sicheren“ Komfortzone, auch wenn ich Impulse spürte, dass ich gerne mehr Kontakt zu Mitschülern hätte, die eben ein ganz anderes Leben führten als ich. Viele hatten auch in dieser Phase ihren ersten Freund oder ihre erste Freundin. Ich blieb schüchtern und lehnte die Jungs ab, die mich toll fanden und mir dieses auch zeigten.

Die Komfortzone gab mir Sicherheit und Kontrolle Ich war eben ein ängstliches Kind und kompensierte mit dem Streben nach „guten Noten“. Irgendwann fiel der Halt und die Gemeinschaft im Sport weg. Es zerbrach und ich wollte in der Schule immer besser werden und sagte auch öfters Verabredungen mit meiner besten Freundin ab. Ich wollte mich verändern. Erwachsener werden und änderte, die Art, wie ich mich kleidetet und fing an noch mehr zu lernen und Zeitung zu lesen, die mein Vater las. Schließlich hatte ich eine neue beste Freundin, aber keinen Sport mehr und keine Gemeinschaft im Sport. Halt gab mir meine neue beste Freundin und die neuen Abenteuer, die ich mit ihr erlebte. Ich war gehemmt gegenüber den Jungs, die ich toll fand und vermied Begegnungen mit ihnen. Ich änderte mich wieder, die Schule verlor an Bedeutung und ich hatte plötzlich andere Interessen. Ich war an anderer Literatur interessiert, hörte mehr und ganz andere Musik. Die Quellen dazu bekam ich vom Internetanschluss, den ich neu hatte und vor dem ich viel Zeit verbrachte. Plötzlich drehte sich alles ums „dünner werden“ und meine Essanfälle wurden schlimmer, ich erstellte härtere Abnehmpläne und verordnetet mir mehr Sport. Ich stellte am Computer Collagen von dünnen Frauen zusammen und verbrachte Stunden damit, nach visuellen Vorbildern zu recherchieren – irgendwelche Celebrieties, denen ich ähneln wollte Alles drehte sich ums Gewicht und Aussehen. Ich schaffte es nicht, neue Kontakte in der Oberstufe mit den neuen Mitschülern zu knüpfen. Ich war zu „beschämt” und wertete die anderen ab. Tat so, als wollte ich mit den anderen nichts zu tun haben. Daraus wurde jedoch eine stetige Abwärtsspirale. Durch die Isolation verstärkte sich die Essstörung. Durch die Kontrollverluste der Selbsthass und durch den Selbsthass die Scham und durch die Scham das gehemmte Kontaktverhalten und um mir meine fehlenden Fähigkeiten (Schwächen) nicht eingestehen zu müssen, wertete ich die anderen eben.

Advertisements
light comes through

Es gibt eine Geschichte über einen Indianer, der das erste Mal in seinem Leben mit dem Zug fährt. Als er am Ziel ist, steigt er aus und setzt sich auf die Schienen. Als er gefragt wird, was er da mache, antwortet der Indianer: „Ich sitze hier und warte, dass meine Seele nachkommt.“

So geht es mir! Manchmal rasen mir Gedanken durch den Kopf: … das was war, das was ist und das was sein wird. Ich sehe alles durch eine Brille. Merkwürdig verzerrt. Entweder ist längst Vergangenes seltsam nahe an meiner Linse und das was jetzt gerade ist, seltsam fern. Ich lebte eher zurückgezogen in meiner Jugend und in meinen Anfang Zwanzigern. Das hat sich merkwürdig gedreht. Ich will jetzt immer überall dabei sein und fürchte stetig irgendwas zu verpassen. Zum Freunde finden braucht man nämlich Geduld und die Fähigkeit Kontakte zu knüpfen und aufrechtzuerhalten. Jetzt möchte ich nicht loslassen und immer bereit sein, für eine „neue“ Erfahrung oder Verhindern nur auf mich allein gestellt zu sein. Es ist Schwachsinn. Das was mir passiert, ist ein stetiges Verlieren des Gespürs dafür, was mir gut tut und was nicht.

Um mich herum tobt ein Sturm und da ich stetig gewillt bin, diesen Sturm zur Ruhe zu bringen, finde ich keine Ruhe und verliere viel Kraft, die mir an anderer Stelle fehlt – das typische an einer Depression. Denn sie tritt nie umsonst auf, sondern trägt immer eine Botschaft. Vielleicht ist es auch gar keine Depression sondern schlichtweg Trauer.

Dennoch, wie lautet die Botschaft diesmal?

Das ist die große Aufgabe im Moment für mich. Was bleibt mir in meinem Leben erhalten und wovon muss ich mich trennen?

Und wichtig! Wie vollziehe ich diese Trennung? In Liebe und ohne Groll? Erkläre ich dem Kind in mir, warum es „ohne“ weitergehen muss?

Es fällt mir schwer Entscheidungen zu treffen… die Zukunft betreffend. So wie früher bekam ich plötzlich Herzrasen und Übelkeitsgefüle, wenn ich an die zu fällende Entscheidung dachte. Das gab mir zu denken. Metaphorisch kann ich dieses Phänomen in etwa mit einem Haus vergleichen, das bis zur Decke über und über gefüllt ist mit Gegenständen. Der Besitzer hat einfach keinen Überblick mehr. Fällt ihm nun ein neuer Gegenstand in einem Geschäft auf, den er gerne seinem Besitz sehen möchte, wird ihm zurecht mulmig bei der Entscheidung, ihn zu kaufen, weil er unter all den ganzen anderen Gegenständen kaum mehr auffallen würde. Der Besitzer hätte nicht wirklich etwas davon. Es gilt, das Haus aufzuräumen und sich zu trennen von so manchem. Ich fühle mich ähnlich. Meine Seele ist zugemüllt über und über mit emotionalem Ballast aus der Vergangenheit und bevor ich wieder den Durchblick bekomme und Kraft für eine neue Richtung erhalte, muss ich den beiseite schaffen.

Geduld. Geduld.

the dark places

V. Frankl: Jeder hat sein Auschwitz

Frieden, Verbindung, Heilung – diese drei Worte fallen mir zuerst ein, wenn ich mich nach meinen verborgenen und verschütteten Sehnsüchten frage. In meinem Kopf formt sich ein Szenario, welches ich mit Ruhe, einem Gefühl der Ganzheit und Vertrauen assoziiere. Es besteht aus einem Gefühl, aus Gerüchen, aus bestimmten Gesichtsausdrücken, besonderen Klängen der Stimmen.

Ich fühle mich jedoch kaputt. Auf einer psychischen Ebene fühle ich mich kaputt und dieses Sich-Kaputt-Fühlen hat physiologische Auswirkungen, weswegen ich mich auch körperlich kaputt fühle. Ich bin ein Mensch voller Sorgen, voller Ängste, voller Zweifel, voller Schmerzen. Ich denke manchmal, dass es nicht mehr lange dauert, bis es vorbei sein wird. Das Schlimmste jedoch ist, dass ich mich für meine Blockaden hasse. Ich stolpere oft, ich drehe kurz vor dem entscheidenden Sprung um und verpasse damit die Gelegenheit, neue Erfahrungen zu machen. Und das Schreckliche an diesen Situationen ist, dass hinter mir ein Wächter – eine Art Aufseher und Peiniger, vielleicht in etwa so wie ein SS-Mann aus einem Konzentrationslager – steht und mich für die Schwäche zu stolpern oder den Sprung nicht zu wagen, verhöhnt und im Anschluss schlägt und tritt.

Ich darf also keine Schwächen haben. Es gibt also einen Aspekt in mir, der meine Ängste, meine Zögerlichkeit und meine Kompliziertheit verurteilt.

Ich hatte eine sehr strenge Mutter und mir fallen Momente ein, in denen Dinge „nicht schnell genug“ passierten. Ich wurde „nicht schnell genug“ trocken. Ich hatte einen Fleck auf meiner Hose zwischen den Beinen beim Kinderturnen und ich sollte laut des Winkens meiner Mutter, die mir zuschaute, in die Umkleide kommen. Ich wollte nicht. Ich drückte mich davor, weil ich Angst hatte. Und dann lief ich vor ihr weg, in die Umkleide und versteckte mich unter einer Bank. Ich weiß, dass sie mir folgte und ich weiß, dass ich weiter vor ihr weglief, über den gesamten Parkplatz, bis ich mich hinter einem Auto versteckte. Ich hörte ihre feindseligen Worte. In diesem Moment verlor ich meine Mutter. Ich verlor sie, weil es sie selbst gewesen wäre, vor der sie mich hätte beschützen müssen. Stattdessen ging von niemanden eine so große, reale Bedrohung her aus wie vor der Frau, die sich meine Mutter nennt. Diese und viele andere Erinnerungen sind Nährboden meines persönlichen Auschwitz – nach Viktor Frankl zitiert. Die Launen und Ausbrüche meiner Mutter haben mich stark überfordert und machen mir das Leben heute noch schwer. Auch die Dinge, die mein Vater getan oder unterlassen hat, spielen da mit rein.

Manchmal stehe ich unter so großem Stress, unter einer so hohen Anspannung und ich weiß einfach nicht warum. Ich weiß einfach nicht, wovor ich da jetzt genau Angst habe. Ich weiß einfach nicht, wieso ich mich jetzt so verhalte wie ich es tue. Ich verhalte mich einfach so, auch wenn es schadhaft ist.